Thomas Illmer
Wir feiern Ostern als Fest der Auferstehung Christi und dessen Sieg über den Tod. Was mit der Leidensgeschichte Jesu ein Ende gefunden zu haben schien, stellt sich als neue Gewissheit dar. WirChristen leben mit Blick auf die Wiederkehr des Herren – zunächst hier auf Erden und nach dem Tode im Reich Gottes. Jesu Tod begründet die Communio Sanctorum – die Gemeinschaft der Heiligen.
Die Zeit Jesu war gekennzeichnet durch die Herrschaft Roms über den gesamten Mittelmeerraum. Große Teile der Bevölkerung befanden sich auf der intensiven Suche nach neuen Heilsgewissheiten. Es gab viele selbst ernannte Heilsprediger. Sie kamen, aber sie verschwanden auch wieder. Auch Jesus passte zunächst in dieses Raster. Er sammelte um sich eine Gemeinschaft aus Jüngern und Jüngerinnen und stellte eine spirituelle Gegenmacht gegen die Priesterschaft im Judentum dar, was schließlich zu seinem Todesurteil führte. Keinesfalls nur die Jünger waren verzweifelt: Wieder nur einer, mit dessen Tod alles vorbei ist? Nein: Jesus war auferstanden und hat sich seinen Jüngerinnen und Jüngern gezeigt!
Christi Auferstehung ist Geschenk für alle. Schon in Teilen der frühen Christenheit schenkte man sich zu Ostern ein rotgefärbtes Ei: Das Öffnen der Schale stand symbolisch für das leere Grab am Ostermorgen, der Inhalt des Eis für neues Leben. Rot stand für das zuvor vergossene Blut Christi.
Die Auferstehung Jesu ist der Ausgangspunkt für die Bildung einer Gemeinschaft, die ethnische, sprachliche und geografische Grenzen weltweit überwindet. Diese Gemeinschaft teilt den Glauben an den dreieinigen Gott, der Mensch geworden ist. Bis heute fasziniert uns sein Umgang mit konkreten Menschen. Er heilte Kranke, er ging zu den Aussätzigen, machte Blinde sehend, er wandte sich der Ehebrecherin zu, er hielt Gemeinschaft mit den verhassten Zöllnern. Die Seligpreisungen seiner Bergpredigt verbinden beides: Glauben und Handeln.
Schon die Urgemeinde lebte diese zwei Seiten unseres christlichen Lebens: So berichtet die Apostelgeschichte, dass Paulus bei seinen Missionsreisen Geld zur Unterstützung der Gemeinde in Jerusalem sammelte. In den Gemeinden bildete sich das Amt des Diakons heraus, der neben der Glaubensverkündigung auch für die Unterstützung der Armen zuständig war. Christliche Gemeinschaft übernimmt Verantwortung, zumal existenzielle Gefährdungen im Alltag oft sowohl geistliche als auch materielle Ursachen haben. Hatte nicht Christus gelehrt „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Mt. 25, 40)? Dieses gilt nicht nur für den leiblichen Jesus, sondern auch und gerade für den, der den Tod überwunden hat.
Der Gedanke des Einstehens für den Nächsten setzt sich bis in die Gegenwart fort. Wir sammeln Geld oder anderes für bestimmte Notfälle, dem Wirken des Apostel Paulus folgend. Bis heute haben wir Diakone, diakonische Werke, daneben für caritative Aufgaben zuständige Mitglieder in den Kirchengemeinden. Und bis heute tragen wir Weltverantwortung, etwa mit Sammlungen wie Brot für die Welt bzw. die Katastrophenhilfe der EKD.
„…er ist wahrhaftig auferstanden.“: Wir sind berufen, diese frohe Botschaft zu verkünden und Gemeinschaft zu bilden – gebunden an unserer Glaubensgewissheit vom ewigen Leben, aber auch an die Einsicht gegenseitiger weltlicher Hilfestellungen. Das geht über die klösterliche Fürsorge für Arme im Mittelalter hinaus. Auch wenn viele soziale Sicherungssysteme heute staatlich organisiert sind, sie entstammen dem einen Gedanken: Menschsein heißt gegenseitig Hilfe geben und auch annehmen. Das macht Gemeinschaft aus! Es charakterisiert die Systeme der sozialen Sicherung, dass sie zunächst und vor allem in Gesellschaften und Staaten eingerichtet wurden, die christlich geprägt waren und sind.
Der auferstandene Jesus steht für beides: den Glauben an das ewige Leben und an unser Eingebundensein in eine weltliche Gemeinschaft, die füreinander und für die Welt Sorge trägt – nur beides zusammen meint Communio Sanctorum.
Ernst-Ulrich Huster
Die Betrachtung ist aus dem Gemeindebrief März - Mai 2025