Symbolbild
Sind Kinder und Jugendliche in der evangelischen Kirche vor sexualisierter Gewalt sicher? Seit fast zwei Jahrzehnten werden Fälle von Missbrauch in allen gesellschaftlichen Bereichen aufgedeckt. Auch in der Kirche. Das Evangelische Dekanat Gießen und die Kirchengemeinden haben daraus vor langem schon Konsequenzen gezogen.
Wie schützen die Gemeinden heute konkret Kinder und Jugendliche, die an Freizeitangeboten, Gruppenreisen oder großen Events wie dem Konficamp teilnehmen? Die Antwort: mit klaren Regeln, Schulungen und einem wachsamen Präventionsteam, sagt einer der im Dekanat zuständigen Präventionsbeauftragten, Stadtjugendreferent Edgar Viertel-Harbich.
Systematische Prävention seit über 15 Jahren
Vor über 15 Jahren begann er im Auftrag des Evangelischen Dekanats Gießen, Kirchengemeinden und Mitarbeitende – sowohl Haupt- als auch Ehrenamtliche – systematisch zu sensibilisieren und zu schulen. Sein Ansatz ist klar: „Ich habe mein Team vor Freizeitreisen immer geschult und ihren Blick auf die Achtung von Grenzen anderer Menschen gelenkt.“ Ein zentraler Punkt dabei ist die gegenseitige Kontrolle. „Das bedeutet, sich gegenseitig im Blick zu haben“, erklärt Viertel-Harbich. „Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit für Übergriffe.“ Wer heute als Teamer:in bei Freizeiten mitfährt, absolviert zuvor eine Jugendleiterschulung, in der Themen wie Aufsichtspflicht und Kinderschutz behandelt werden. „Ich erwarte von den Teamern, dass sie die Menschen, die sie beaufsichtigen, im Blick haben. Und genauso habe ich auch mein Team im Blick“, betont er.
Risikobewusstsein und kultureller Wandel
Edgar Viertel-Harbich weiß: Das Risiko für Missbrauch ist besonders hoch, wo Menschen in engem Kontakt stehen und der Eindruck entsteht, dass Regeln nicht gelten. „Ich erinnere mich an Zeiten, in denen Kirchenvorstände nicht einmal wussten, wer bei ihnen ehrenamtlich arbeitete. Das hat sich deutlich gewandelt“, sagt er. Heute ist bekannt, dass das Risiko in Organisationen besonders groß ist, die sich nicht um Prävention kümmern. Ein spezifisch kirchliches Problem, das Viertel-Harbich beobachtet hat, war lange die Annahme, es könne in den eigenen Reihen keine Täter:innen geben. „Doch statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch in der evangelischen Kirche Opfer und Täter gibt“, so der Stadtjugendreferent.
Erfolge und kontinuierliche Arbeit
Für Viertel-Harbich ist es bedeutsam, dass es in den Gemeinden und Einrichtungen des Evangelischen Dekanats Gießen in den letzten fast 20 Jahren nicht zu sexualisierter Gewalt gekommen ist. „Dass wir das Krisenteam, das bei Meldungen von Übergriffen tätig wird, nie einberufen mussten, ist ein wichtiges Signal“, sagt Viertel-Harbich. Für ihn ist Prävention kein einmaliges Projekt, es muss selbstverständlicher Teil des kirchlichen Lebens sein – ohne dass ständig daran erinnert werden muss.
In der rechten Spalte finden Sie Erstansprechpartner für Betroffene und deren Angehörige, sollte es Verdachtsfälle geben oder zu Übergriffen gekommen sein. Kirchliche Präventionsbeauftragte vermitteln professionelle Hilfe durch spezialisierte Beratungsstellen, sofern dies gewünscht wird. Außerdem werden alle Präventionsmaßnahmen detailliert erläutert und Arbeitshilfen bereitgestellt.
Beispiel Hausen/Petersweiher
Thekla Schulz-Nigmann achtet in der Ortskirchengemeinde Hausen/Petersweiher auf Prävention.
„Eine Kirchengemeinde kann eine Risikoanalyse durchführen, bei der gefragt wird: Gibt es Personen mit besonderem Schutzbedarf? Existieren abgelegene, nicht einsehbare Bereiche im Gebäude oder auf dem Kirchengelände, in denen sich mögliche Täter:innen unbeobachtet fühlen könnten?“ Und die Gemeinden am Schiffenberg haben Schutzkonzepte erstellt. „Zum Beispiel achten wir darauf, dass kein erwachsener Betreuer/Teamer mit einem Kind alleine unbeobachtet in einem Raum ist.“ Jede:r, der beruflich oder ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, muss ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, an Schulungen teilnehmen und eine Selbstverpflichtung unterschreiben – eine Art Ehrenkodex, so Schulz-Nigmann. Als Grundschullehrerin gelten für sie schulische Vorgaben, etwa in Verdachtsmomenten bei möglicher Gefährdung für Kinder. Sie ähneln denen in der Kirche. „In beiden Bereichen werde ich regelmäßig geschult, das ergänzt sich gut.“
Präventionsbeauftragte in den Ortskirchengemeinden
Albach und Steinbach
Monika Jäger 06404/2893
Watzenborn-Steinberg
Alicia Viehmann alicia.viehmann(at)gmx.net
Noel Rentmeister noel.rentmeister(at)ekhn.de
Hausen/Petersweiher
Thekla Schulz-Nigmann t.schulz-nigmann(at)t-online.de
Präventionskonzept des Evangelischen Dekanats Gießen
dekanat-giessen.ekhn.de...